Wenn man hier in Hamburg gestrandet ist, nicht weiter weiß oder den Weg nach Hause nicht findet, gibt’s einen Ort an dem man rund um die Uhr Hilfe findet: die Bahnhofsmission am Hamburger Hauptbahnhof.

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Axel Mangat

experi.band: Für wen ist die Bahnhofsmission da?

Axel Mangat: Die Bahnhofsmission ist eine Einrichtung, die 24 Stunden am Tag für Menschen in Not tätig ist. Das können jüngere Menschen sein, Ältere, Obdachlose, Jugendliche, Europäer oder Geflüchtete aus der ganzen Welt. Da der Hamburger Bahnhof der meistbesuchte Deutschlands ist, kommen hier ganz viele Menschen aus der ganzen Welt an, fahren hier ab oder bleiben zurück. Daraus resultiert unsere Arbeit als Kirche: nämlich Nächstenliebe zu betreiben. Wir wissen nie, wer als nächstes in unsere Einrichtung kommt, wen wir  treffen und welche Notlage sich ergibt. Aber Bahnhöfe sind eben besondere  Orte, wo man die Nöte einer Stadt exemplarisch wie in einem Brennglas wahrnimmt und dann auch exemplarisch reagiert.

experi.band: Können Sie uns einen kurzen Abriss zur Bahnhofsmission geben?

Axel Mangat: Die Bahnhofsmission ist vor 120 Jahren in Hamburg gegründet worden, also 1895. Sie ist aus der Notlage heraus entstanden, dass zur Zeit der Industrialisierung junge Frauen vom Land in die Stadt ziehen mussten, um hier zu arbeiten. Am Bahnhof ist relativ schnell ein Mädchen- und Frauenhandel entstanden, weil Schlepper diese jungen Frauen angeworben und ihnen alles Mögliche versprochen haben. Daraus ist ein international florierender Frauenhandel entstanden. Christliche Frauenverbände haben sich aufgemacht, diese jungen Frauen zu warnen und ihnen alternative Unterbringungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Über die Jahre hat sich die Gesellschaft natürlich verändert. Es gab zwei Weltkriege, und politische Systeme haben sich verändert. Deswegen haben wir keine feste Zielgruppe, sondern richten uns immer wieder nach der aktuellen Lage aus. Heute sind es Geflüchtete, vor einigen Jahren waren es vor allem Arbeitsuchende aus Osteuropa. Die gibt es auch immer noch. Obdachlosigkeit spielt eine große Rolle. In den 80er Jahren waren es vor allem die Drogenhilfe, Crashkids und der Transitverkehr zwischen BRD und DDR. Heute versuchen wir, mit dieser besonderen Gruppe der weiterreisenden Flüchtlinge umzugehen. Das ist in erster Linie humanitäre Hilfe, weil die ja weiterreisen und nicht in Hamburg Asyl beantragen. Da geht’s erst mal um eine Versorgung für einen Tag oder eine Nacht. Wenn ein Land seine Grenzen dicht macht oder sich neue politische, rechtliche Bedingungen ergeben, kann sich das aber komplett ändern. Dann ändern wir uns mit und erfinden uns neu.

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experi.band: Wie bemerkt man diese Veränderung?

Axel Mangat: Man sagt, die Bahnhofsmission sei wie ein Seismograph für gesellschaftliche Notlagen. Das hat viel mit unserer Erfahrung zu tun, mit der täglichen Arbeit vor Ort. Wir erkennen Notlagen manchmal früher als andere, weil wir jeden Tag mit neuen Fragestellungen konfrontiert werden. Obdachlosigkeit war zum Beispiel lange etwas für Einzelpersonen. Aber inzwischen bemerken wir, dass auch immer mehr Familien betroffen sind. Das stellt viele Hilfssysteme vor ganz neue Herausforderungen, weil sie darauf gar nicht ausgelegt sind. Viele richten sich nur an Kinder oder einzeln an Männer und Frauen. Wenn aber eine ganze Familie betroffen ist, stellt man fest: So ein Winternotprogramm ist für Einzelpersonen ausgerichtet. Deshalb muss sich ein Hilfssystem an solche neuen Umstände gewöhnen.

experi.band: Dafür bräuchte man ja eigentlich Fachkräfte. Wie bewältigen Sie das mit größtenteils ehrenamtlichen Helfern?

Axel Mangat: Wir verstehen mehr als Ersthelfer, nicht als Spezialisten. Wir sind die ersten am Ort des Geschehens, bauen Kontakt und Vertrauen auf, treffen eine Ersteinschätzung und bauen die Brücken zu Fachkräften, Therapeuten, Sozialpädagogen, Erziehern, Beratern, die diese Arbeit weitermachen. Daher arbeiten wir nicht mit Spezialisten, sondern mit 90 Mitarbeitern unterschiedlichen Alters. Die jüngsten sind 16 Jahre alt, die ältesten über 70, aus unterschiedlichsten Berufsgruppen. Der Kern unserer Arbeit ist, dem Impuls nachzugehen, zu helfen, den vielleicht jeder kennt, wenn man auf der Straße jemanden sieht, der Hilfe braucht. Diesen Impuls nutzen wir, organisieren und bilden ihn aus. Das trauen wir jedem zu, arbeiten also nicht mit speziell ausgebildeten Menschen, sondern mit solchen, die Ersthelfer sein wollen und können.

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experi.band: Die Arbeit kostet ja auch etwas. Sie verteilen Kaffee oder Infoblätter. Woher kommt das Geld?

Axel Mangat: Für Personal und Logistik werden wir von unseren Trägern unterstützt: dem Verband beider Kirchenkreise auf evangelischer Seite, die Caritas auf katholischer Seite, und der dritte Träger ist der Verein „Hoffnungsorte für Hamburg“. Diese Träger übernehmen einen großen Teil, die Sozialbehörde einen weiteren, weil wir die einzige Einrichtung sind, die so niedrigschwellig 24 Stunden für die Stadt tätig ist. Damit bekommen wir leider nicht alle Personalkosten refinanziert. Deshalb geht der Rest über Spenden, also Fahrkarten, Kaffee oder Unterbringungsmöglichkeiten. Wir erfahren zum Glück eine sehr große gesellschaftliche Unterstützung und können diese Arbeit deshalb seit knapp 120 Jahren machen. Aber man kann sich eben nicht zurücklehnen, sondern muss das immer wieder erarbeiten.

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experi.band: Mit Gottvertrauen!?

Axel Mangat: Genau. Gottvertrauen und Hoffnung. Unser Träger heißt ja auch „Hoffnungsorte Hamburg“. Der Name ist Programm. Wir arbeiten mit Hoffnungslosigkeit und Menschen ohne Hoffnung. Und wir wirken dem entgegen, indem wir Hoffnung bieten. Der tschechiche Ministerpräsident Václav Havel hat mal gesagt: „Hoffnung ist nicht die Gewissheit, das etwas gut ausgeht, sondern das Gefühl, dass etwas Sinn ergibt, egal, wie es ausgeht.“ Wir haben nicht alles in der Hand, zum Beispiel, ob eine Familie morgen eine Unterkunft bekommt. Aber wir tun alles dafür, dass sie hier sinnvoll beraten wird und auch einen Sinn fühlt.

Das Interview führte Götz Greiner
Anna Maria Spieß hat es verschriftlicht.

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